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EXPOSÉ



Exposé zum Roman
„Eine Vision – mein Weg zurück ins Leben“


Ich bin eine von mir erfundene Person, liege erschöpft in meinem Bett im Krankenhaus. Die letzte Visite war wieder so sehr niederschmetternd, so ausweglos, so deprimierend wie schon zahlreiche zuvor. Wie ich, dahinsinnend, den Krebs verfluche, der meinem Leben ein jähes Ende setzen wird, morgen, in einer Woche, oder schaffe ich es doch noch etwas länger, keiner vermag sich da festzulegen. Es gibt keine Hilfe mehr und doch wartet man auf ein Wunder, auf einen Weg zurück ins Leben.

Plötzlich weiß ich, was zu tun ist. Es gelingt mir, ungesehen das Krankenhaus zu verlassen. Keiner stört mich, keiner hält mich auf, keiner bringt mich zur Vernunft, das war mein Glück und Anfang einer wunderbaren Erfahrung.

Bin ich ein Visionär? Einer der sein Ziel kennt? Mein Weg zurück ins Leben, ist das mein Ziel? Ja! Ein großes Ziel würde ich meinen, eins, was viel offen lässt, nur eins nicht, nicht verzagen, nicht aufgeben, vor allen nicht mich aufgeben. Meine Bahn kommt. Eine junge Familie kommt herein. Die Kinder nörgeln, die Eltern ermahnen. Nichts Ungewöhnliches, doch für mich wirkt es wie ein Horrorszenario. Nun hatte ich den Zustand, den ich doch eigentlich vermeiden wollte, war mittendrin im Geschehen und konnte mich nicht weiter verkriechen. Nun saßen hier nicht mehr ich und eine Familie, sondern eine Familie und ich. Vielleicht sind das ja auch schon die notwendigen ersten Schritte zurück ins Leben, zurück in den ganz normalen Wahnsinn. Ich muss sie wieder lieben lernen, die Geräusche des Alltags. Ja nicht die Gedanken umkippen lassen, ja nicht zweifeln und unsicher werden. Irgendetwas meldet sich in mir. Ich will das nicht, habe keine Kraft, mich mit entgegengesetzten Gedanken auseinanderzusetzen, das Für und Wieder zu erörtern, um dann abzuwägen, nein, mein Entschluss steht fest. Doch so einfach lässt sich das Etwas nicht wegfegen.

Ich habe es nicht eilig, schau auf die Abflugtafel und notiere mir einige Flugdaten. Bilder laufen in mir ab, wie ein spannender Film. Ich verfolge sie aufmerksam, mir entgeht nichts. Ich lasse mich mitnehmen, kann mich mit ihnen identifizieren, mich von ihnen anregen lassen, sie bestärken und beflügeln mich. Genau solche Bilder kann ich jetzt gut gebrauchen, Bilder, die meine Zweifel vertreiben, die Unsicherheiten ausräumen, Kräfte mobilisieren und einen gangbaren Weg eröffnen. Ich sehe es deutlich, er liegt vor mir, der Weg, mein bevorstehender Lebensweg. Ich sehe ihn mit Windungen, mir Abzweigungen, mit Hindernissen, mit Sackgassen, mit allem, was ein Weg nur haben kann. Ich sehe ihn aber auch als Chance, als Herausforderung, als Antriebskraft, als Motor meiner selbst.

Was für ein Tag. Ich kann es kaum glauben, heute, jetzt und hier, angekommen zu sein. Hier in einem mir gänzlich fremden Land. Ich bin in Marokko! Am liebsten würde ich es jetzt laut aus mir herausschreien, dass alle Welt mich hören kann, Anteil nehmen kann, an meinem momentanen Glück, einem unbeschreiblichen Hochgefühl, was ich kaum alleine bewältigen kann. Ich habe alles hinter mir gelassen. Hier werde ich alles abwerfen, mich befreien, mich neu orientieren, ganz mein Leben führen, wie es mir behagt, wie ich es mir in meiner jetzigen Situation vorstellen und leisten kann. Wie soll ich mich hier im Land bewegen, ohne auch nur eine der hier üblichen Sprachen zu können. Im Moment habe ich ja Glück, aber in einigen Wochen wollen oder müssen meine momentanen Begleiter wieder nach Deutschland zurück. Ich will das nicht, will hier bleiben. Werde ich bis dahin jemanden finden, der mich versteht, der mich den anderen näher bringen kann? Wir werden sehen. Ich darf mich jetzt nicht selber verrückt machen. Vielleicht treffe ich ja auf deutsche Abenteurer, denen ich mich eine Weile anschließen kann. Deutschsprachige würden mir schon reichen. Jetzt, wo ich weg bin, mich gelöst habe, kommen mir tausend Erinnerungen in den Sinn. Erinnerungen an Ereignisse, an Episoden, meine Kinder, meine sportlichen Aktivitäten, an gelesene Bücher und Vieles mehr. Auf wundersame Weise wird mir ein Land nahe gebracht, was mir das Herz öffnet, was eine Verbindung herstellt zwischen mir und ihm. Ich liebe dieses Land und seine freundlichen Menschen, die mich wie eine Feder von Station zu Station mitnehmen, bis sie mich voller Herzenswärme in ihrer Familie aufnehmen, in die ich mich schnell einbringen kann. Der Abschied fällt schwer. Zu viele gemeinsame Erlebnisse haben uns aneinandergeschweißt, verbunden auf immer und ewig. Und doch. Die Wüste ruft. Ich kann nicht widerstehen. Die Schwermut wird von Freude abgelöst. So fällt der Abschied nicht so schwer, nicht ganz so schwer, denn schwer, fällt er alle Mal. Die Kinder weinen. Das rührt mich sehr. Ich muss es beenden, steige ein und winke zurück. Die Gefühle schwappen über, nicht nur bei mir. Es wird Zeit.

Wie aus einem spannenden Film gerissen, total ernüchtert sitze ich hier und lasse mich fahren, kaum dass ich die Landschaft aufnehmen kann. Keiner sagt etwas, alle denken nur für sich und vor sich hin. Ich denke gar nichts, bin ausgehöhlt, leer, muss mich erst der neuen Situation stellen. Trotz umfassender Vorbereitung stehe ich wie am Abgrund, von dem es kein zurück mehr gibt. Ich muss springen. Wenn schon nicht ins kalte Wasser, dann doch aber in die Ungewissheit, in ein Abenteuer, etwa in eine Unvernunft? Keine Zweifel! Nicht jetzt! Ja keine Zweifel aufkommen lassen! Wir fahren und fahren. Ich bin immer noch wie blind für alles um mich herum.

Zagora: „In 52 Tagesreisen mit dem Kamel von Zagora bis Tiombouktou“. So steht es auf einer überdimensionalen, schön gestalteten Hinweistafel, die man wirklich nicht übersehen oder missdeuten kann, die auch Schriftunkundige gut verstehen.

Unser heutiges Ziel ist erreicht, mein nächster Ausgangspunkt. Ich habe noch kaum einen Schritt getan, da steht auch schon der Kamelhändler mit den beiden ausgewählten Tieren vor mir. Nun will er Kasse machen. Verlangt von mir den ausgemachten Betrag. Ich wusste gar nicht, dass wir da schon etwas besprochen hätten. Es geht Schlag auf Schlag und beide haben freundliche Gesichter. Nun erst kann ich die beiden Mehadi gebührend begrüßen. Nun, wo alles verstaut ist, werden die Tiere zur Karawane geführt, die von zwei Männern bis zum Aufbruch in knapp zwei Tagen bewacht wird. Ich muss mir keine Sorgen machen, ich kann ihnen vertrauen, kann unbesorgt mit ihnen gehen. Ich freue mich darauf. Was mich jetzt erwartet, wird eine Reise ins „Ich“. Ich als Anhängsel an einer Karawane. Dabei werde ich lernen müssen, mit der mich umgebenden Stille, den Tag zu verbringen. Nicht sinnlos sondern sinnerfüllt, immer wieder neu und anders, aufmerksam und in Gedanken versunken, mit allen Sinnen aufnehmend und abwesend ausgrabend zu gleich. Ich kann es schon spüren, wie meine Gehirnzellen triumphieren. Sie werden wieder beansprucht, gebraucht, Zusammenhänge zu erörtern, Gesten zu begreifen, Gefühle zu entwickeln und abzuschweifen in philosophische und spirituelle Gedankenwelten. Zeit dafür steht mir zur Verfügung und ich kann gewiss sein, dass mich keiner stören wird.

Den endgültigen Abschied von der Zivilisation, der zugleich mein Eintritt in die Wildnis der Wüste sein wird. Es sind nur noch Stunden, die mich davon trennen. Ich bin aufgewühlt, aufgeregt und angespannt. Zugleich fühle ich eine befreiende Weite in mir, ein unbeschränktes Einatmen, Aufleben, wieder jung werden. Meine Gefühle fahren Achterbahn überschlagen sich, wirbeln durcheinander. Sprachlos mache ich meine ersten Schritte ins Ungewisse. Es soll Einsiedler gegeben haben, die ihre Sprache verloren haben, weil sie mit keinem reden konnten. Werde ich auf meinem langen Weg sprachlos bleiben? Nie wieder sprechen? Nein, ich kann doch in Gedanken sprechen, oder mit mir selber sprechen, Selbstgespräche führen, die der Wind aufnehmen und wegtragen kann. Ich werde mit meinen Begleitern sprechen, egal was sie davon verstehen, wie sie meine Worte deuten werden. Doch im Moment bin ich sprachlos, dass mir jegliche Worte im Halse stecken bleiben. Hier in der Wüste kann ich meine Stimmbänder schonen, sie regenerieren, wenn das überhaupt möglich ist. Auf keinen Fall muss ich sie Übergebühr beanspruchen. Sprachlos setze ich einen Fuß vor den anderen, führe meine beiden Kamele, die mir jetzt die einzigen Verbündeten sind. Sie sind meine Vertrauten. Mit ihnen werde ich mich besprechen, doch im Moment geht das nicht. Ich bin wie stumm geworden, sprachlos eben. Wie lange wird das anhalten? Ich muss entspannen, meinen Stimmbändern nicht diese besondere Bedeutung beimessen. Vielleicht sind sie nur verkrampft, können sich nicht lockern, weil ich zu sehr mit ihnen beschäftigt bin. Vielleicht ist es auch eine Blockade, eine zu meinem eigenen Schutz, die sich erst auflöst, wenn ich den Schutz nicht mehr brauche, wenn er überflüssig wird, wenn sich erweißt, dass ich ohne ihn zu Recht kommen kann. Wovor sollte mich die Sprachlosigkeit schützen? Vor einem Hilfeschrei? Ich schreie bestimmt nicht um Hilfe. Wovor dann? Nach vielen ereignisreichen, spannenden, abenteuerlichen Tagen in der Wüste kommt, was kommen muss. Der Schluss. Das Ende. Ein unweigerliches Ende, ein Ende im Frieden mit sich selbst.

Mich berührt das alles nicht mehr. Ich bin, was ich bin. Ich bin, was ihr mich sein lasst. Nur das zählt noch für mich und für euch.